Gotham: Wer braucht schon Batman?

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Eines vorweg: Ich bin kein Leser der Batman-Comics. Ich kenne das Setting einigermaßen gut durch Cartoons, Christopher Nolan und Wikipedia, aber ich bin sicherlich kein Experte auf dem Gebiet der Fledermausmänner. Eventuell habe ich hiermit jedoch den bestmöglichen Startpunkt, Gotham in seiner Gänze zu genießen.

Gotham ist die neue Serie von Bruno Heller (The Mentalist hat einen festen Platz in meinem Herzen), die sich, wie der Name vielleicht schon andeutet, gemütlich in der Heimatstadt des Dark Knight festgesetzt hat. Nur flattert in dieser Version der Stadt, in der ewig Nacht und Nebel herrschen, kein schwarzes Cape durch den Wind, es fliegen keine Batarangs durch die Schatten. Hier haben wir es mit einem Gotham vor Batman zu tun.

Stattdessen dürfen wir nämlich einen jungen, gerade aus O.C. California angereisten Jim Gordon dabei verfolgen, wie er offenbar als einziger aufrichtiger Cop des gesamten Polizeidezernats mit einem pragmatischen und opportunistischen Partner die Verbrecherszene aufzumischen Versucht in der Jagd nach dem Mörder der Eheleute Wayne. Dabei baut er nicht nur eine Freundschaft zum Nesthäkchen Bruce Wayne auf, sondern stolpert in seinen Nachforschungen auch anderen bekannten Bewohnern der dunklen Stadt über den Weg – Bösewichte in der Mache, wie etwa der Penguin, Poison Ivy und mein bisheriger Favorit, der zukünftige Riddler als Sprüche klopfender Nerd der Spurensicherung. Selbst der Joker könnte schon angedeutet worden sein… eventuell… vielleicht? Viele von Gothams beliebtesten Rabauken sind hier also für die Pilotfolge zusammengetrommelt worden.

(Ich betone übrigens die Tatsache, dass die Serie zwar in „Gotham“, aber nicht zwangsweise im „DC Universum“ spielt. Solange uns noch keine Crossovers um die Ohren geschossen werden, ist die Lage noch vollkommen ungewiss. Arrow und die angekündigte Serie The Flash wären eigentlich gute Kandidaten, laufen jedoch auf einem anderen Sender – die Rechtslage ist also verworren.)

Gotham © Fox
Gotham © Fox

Die Serie hat mich an der Angel… dabei scheint die Angelschnur aber unter der Last dieser muffligen Fernsehproduktion fast entzwei zu schnappen. Wo fangen wir bloß an? Die Dialoge sind hölzern und wirken beizeiten, als wären sie vom Hollywood-Action-Bot-9000 nach dem Zufallsprinzip ausgespuckt worden. Die Serie trieft förmlich vor Pathos und unmotivierten Einzeiler-Punchlines, aber das mag letztlich auch einfach an der Natur des Quellenmaterials liegen. Darauf könnte man vielleicht auch die bisher ziemlich eindimensionalen Charaktere schieben, die man mit nur sehr wenigen Ausnahmen häufig in weniger als 5 Wörtern beschreiben kann – „korrupter Cop“, „verrückter Polizeianalyst“, „derber aber fürsorglicher Butler“, „Ehefrau mit dunklem Geheimnis“. Nicht zu verzeihen ist allerdings die schwache Umsetzung der einzigen wirklichen Actionsequenz der Pilotfolge: eine Szene, die sich so fest an altbackene Klischees klammert, dass die Knöchel schon weiß werden. Und die Exposition, mein Gott… Die Serie scheint so wenig Vertrauen in ihre Zuschauer zu haben, dass auch wirklich jedes kleinste Detail von den Figuren ausgesprochen werden muss, damit man’s auch ja nicht verpasst. Jede Figur trägt quasi ihre Rolle im Plot offen auf der Stirn, jeder Twist wird zur Sicherheit auch noch einmal von einem der Protagonisten kommentiert. Subtilität gehört hier nicht zum Vokabular.

Aber die Serie hat mich trotzdem an der Angel. Warum? Gotham macht eigentlich so viel falsch, wie könnte man das überhaupt noch weiter verfolgen wollen?

Es ist das Fan-Herz, das schlägt. Trotz der vielen Fehlstellen, trotz der Uneleganz dieses hässlichen Entchens, kitzelt der Gotham-Krimi dennoch den tiefsten Geek-Instinkt in seinen Zuschauern. Ich will sehen, was aus dem pausbäckigen Bruce Wayne wird. Ich will sehen, wie Edward Nygma zum Verbrechergenie mutiert. Ich will sehen, welche Figuren sie noch vom Papier auf die Leinwand zaubern können. Ich kann mich dem Fan-Service nicht entziehen, von daher kann ich nicht behaupten, dass die Serie mich enttäuscht hätte.

Und genau deswegen bin ich genau die richtige Beute für diese Angelschnur. Ich weiß gerade genug über das Setting, um die Anspielungen zu verstehen und zu genießen, doch fehlt mir die Loyalität zum Comic, als dass ich mich über mögliche Änderungen in den Figuren oder der Story aufregen würde. Die kleinen Details machen ein ansonsten ziemlich mittelmäßiges Krimi-Drama für mich zu einer lustigen Ostereier-Suche.

Gotham prämierte vergangenen Montag auf dem US-Sender Fox, wird aber über Netflix weltweit ausgestrahlt. Über eine mögliche deutsche Lokalisierung wurde noch nichts bekanntgegeben.

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